PRESSE

 

DIE ZEIT Nr. 48/2018, 22. November 2018

Von Holger Noltze

21. November 2018

W

Womöglich hat der Kollege es gut gemeint. Vielleicht hat er auch nicht

richtig nachgedacht. Und bestimmt nicht zugehört. »Anne-Sophie Mutter des Ostens«, stand da irgendwann irgendwo. Das ist natürlich ein fatal klebefestes Etikett. Nur mit Franziska Pietsch hat es wenig zu tun, nichts mit ihrem Ton, der nicht um jeden Preis rund und schön sein will, wenn die Musik, von Bartók oder von Schostakowitsch, von dem erzählt, was nicht rund und schön ist in der Welt. Und wohl auch nicht mit ihrer Vorstellung von Musik als Überlebensmittel. Als Dringliches. Immerhin: Auch Franziska Pietsch war einst ein Geigenwunderkind, aber in Ost-Berlin. Mit elf stand sie auf der Bühne der Komischen Oper und spielte Vivaldis Vier Jahreszeiten, und alles war gut. Den Talentscouts des Systems, auf der Suche nach Exzellenz in Sport, Wissenschaft, Kunst, bescheinigt sie feinen Spürsinn und im Spezialfall von Exzellenz an der Geige auch ein sicheres Differenzierungsvermögen: »Da wurde früh gesagt: Du bist ein Konzertmeistertyp, du gehst ins Orchester, du machst Kammermusik.In meinem Fall: Du kannst Solistin sein.« Das hätte sie sein können und sollen: eine verdiente Kunstrepräsentantin des Arbeiter-und-Bauern-Staats. Die Weichen waren also gestellt.

1984 aber, das DDR-Geigenwunderkind war gerade dreizehn und ein paar Tage vor ihrer Vorstellung beim wichtigen Menuhin-Wettbewerb in England, entgleiste der Zug. Der Vater, auch ein Geiger, wie die Mutter, im gleichen Rundfunkorchester, blieb nach einem Gastspiel im Westen»Er hatte sich für die andere Seite entschieden, und das wurde mein Schicksal.« Von einem Tag auf den anderen war das Wunderkind ein potenzieller Staatsfeind. Fiel aus allen Förderungen. Fuhr nicht zum Wettbewerb. Musste sich weiterhin beim Lehrer melden, doch die Geige wurde nicht mehr ausgepackt. Stattdessen gab es »Mentalunterricht«. Eine Dreizehnjährige sollte lernen, welches Unglück der Staatsverrat des Vaters bedeutete. Es war ein Sturz aus einem bis dahin ziemlich heiteren Himmel. Nur einmal hatte es Krach gegeben, als der Sommer besonders schön war und Franziska tun wollte, was die anderen taten, ins Schwimmbad gehen, da durfte sie nicht. Ein Konzert im Gewandhaus stand an, sie musste weiterüben. Da hatte sie die Wand gespürt, an der es kein Vorbei gab, aber das war ein einmaliger Moment. Man kann sich die junge Franziska Pietsch als ein im Ganzen glückliches Geigenmädchen vorstellen.Sie spielte, was junge Virtuosinnen spielen: Paganini, Wieniawski.

Was sie im Rückblick den Zirkus des »Höher, schneller, weiter« nennt.

Mit der Flucht des Vaters, die sie heute mutig findet, aber auch ein wenig unbedacht, endete das alles. Es stellten sich neue Fragen, die man wohl nicht verwechseln darf mit den normalen Sinnfragen einer Dreizehnjährigen. Aufgeben war durchaus eine Option. Antworten fand sie in der Musik, aber auch in den Lebenswegen von Musikern

Franziska Pietsch

________________________wird 1969 in Halle in eine Musikerfamilie hineingeboren und wächst in Ost-Berlin auf. Als Fünfjährige erhält sie ihren ersten Geigenunterricht, mit elf debütiert sie als Solistin. In der DDR winkt ihr eine große Karriere. 1984 begeht der Vater »Republikflucht«, zwei Jahre später folgt sie ihm mit Mutter und Schwester in den Westen. Pietsch spielt in mehreren Sinfonieorchestern und macht sich als Kammermusikerin einen Namen. Ihre CDs (bei Audite) sind preisgekrönt

Das »System«, das ihr den Weg geebnet hatte und nun verstellte, »das hatte ja nie mich gemeint, sondern bloß meine Funktion als Aushängeschild«. Die Zeit der Repressalien, der dauernden Überwachung endete ebenso plötzlich, wie sie begonnen hatte, nach zweieinhalb Jahren durfte Franziska mit Mutter und Schwester ausreisen. Es ist ihr wichtig, an diesem Novembermittag in einem Kölner Café ihrem Gegenüber begreiflich zu machen, wie diese Jahre waren, nämlich nicht bloß schwierig: »Es gab ja gar keine Aussicht, dass sich in absehbarer Zeit was ändern würde.« Die BRD empfand sie dann als vollkommen anderes Land, gerade im Umgang mit Kunst. Wo sie herkam, war Musik für die Menschen ein Überlebensmittel, Licht in einer dunklen Welt. Im Westen war das anders. Als Glück erfährt sie die Begegnung mit ihrem neuen, wichtigsten Lehrer. Ulf Hoelscher in Stuttgart macht nicht einfach weiter, er drückt ihr Bartóks Solosonate in die Hand. Kein Balsam für eine verletzte Seele, wie sie sagt, sondern

 

Fortsetzung auf S. 48

. Schostakowitsch, Prokofjew, Bartók. Ein Thema mit Variationen: weitermachen, Kunst machen an den Grenzzäunen des Systems. Und eine schmerzhafte Erkenntnis:

Spielen, um zu überleben Fortsetzung von S. 47

das Gegenteil, ein Wühlen in der Wunde. Damals sei sie fern davon gewesen, die Tiefen dieses Stücks erfassen zu können. Aber sie nimmt den Kampf mit dem Ungeheuer auf, es wird das pièce de résistance ihres Neuanfangs. Türen gehen auf, eine große Agentur plant eine große Karriere. Doch »da war etwas noch nicht so weit. Ich wollte nicht, dass andere für mich entscheiden, diesen oder jenen Karriereschritt zu gehen. Ich dachte, nein, das ist wieder so ein Moment, wo jemand über dich drübertrampelt, deine Seele nicht sieht. Da habe ich gemerkt, dass da noch etwas leidet, nicht stimmig ist, deshalb konnte ich diesen Weg nicht weitergehen.« Der Wunsch, Musik zu machen, war unantastbar. Aber »das DDR-System hatte es geschafft, mein Urvertrauen zu erschüttern. Das war meine Last, meine große Traurigkeit.« Zum Entsetzen ihrer Eltern geht Franziska Pietsch ins Orchester, als Konzertmeisterin in Wuppertal, beim Orchèstre Philharmonique in Luxemburg, an der Deutschen Oper am Rhein und beim WDR Sinfonieorchester. Sie habe wissen wollen, wie das ist, im Orchester eine Mahler-Sinfonie zu spielen, und habe eine ihr ganz neue Unbeschwertheit beim Musikmachen erfahren. Tatsächlich probiert sie alle denkbaren Rollenwechsel: macht Kammermusik, Regers Streichtrios zum Beispiel,

nimmt mit ihrem Klavierpartner Detlev Eisinger erst Griegs schön verträumte Duosonaten auf, dann Prokofjews weiter ausgreifende, düster-sarkastische und neoklassizistische Violinsonaten. Entdeckt im Duo die Klangwunder von Szymanowskis Mythen und wirft sich in César Francks süffige Fin-de-Siècle-Sonate. Dann, nächster Schritt, noch einmal Prokofjew, jetzt die zwei funkelnden

schichte, die eine sehr spezielle und sehr deutsche Geschichte vom Werden und Reifen einer Musikerin ist, gehören diese ungewöhnlichen Positionswechsel. Sie kann den Weltenunterschied erklären, den es ausmacht zwischen dem Geigespielen in einem Klavier- und einem Streichtrio; ganz anders natürlich mit einem Duopartner, erst recht mit einem Riesenorchester im Rücken oder als Teil davon, selbst am ersten Pult der Konzertmeisterin.

Die vielen Platten, die jetzt kommen, deutlich später als die viel jüngerer Kolleginnen und Kollegen, lassen sich verstehen zugleich als Suchbewegung wie als ein Ankommen. Momentaufnahmen

eines Wegs, der so lang dauerte, wie er eben dauerte, und für den es keine Abkürzung gab. Franziska Pietsch spricht gern in Bildern, von einer inneren Schleuse etwa, die sich bei ihr als eine Art Schutzreflex »eingebaut« habe. »Diese Schleuse musste aufgehen. Das Vertrauen wiederzufinden, das war ein längerer Weg.« Jetzt also Bartók. Diese unermessliche späte, letzte Solosonate, komponiert 1944 von 

»Man ist der Kern einer Frucht«

 

Franziska Pietsch

einem todkranken, an Heimweh leiden-den, in Amerika un-gesehenen Genie, fern vom nazi-verseuchten Ungarn im Exil eines schäbigen Apartments in Manhattan. Doku-ment einer wütenden Verzweiflung, der

Sehnsucht nach etwas Verlorenem und der Vorahnung des Todes. Es ist das Stück, das sie seit 30 Jahren begleitet und dessen erster Akkord, so wie Franziska Pietsch ihn uns am Anfang ihrer jüngsten CD nur mit Werken für Solovioline entgegenwirft, viel von diesem langen Weg erzählt. Auch davon, was dieses Solo, am Ende aller denkbaren Konstellationen, für sie bedeutet. Wenn man ganz ungeschützt dastehen muss und kann. »Ich sah das auf mich zukommen, wie Ringe, die sich um mich geschlossen haben. Am Ende ist man der Kern einer Frucht. Man ist auch gefangen, da gibt’s kein Raus oder Rein mehr. Aber das ist wichtig, um eine Intensität

erreichen zu können. Es ist etwas Vollkommenes. Die Möglichkeit, mit der Welt eins zu sein. Für einen Augenblick absolut.« Bartóks Solosonate ist eine Hommage an Bach, eine Begegnung im Hochgebirge, wo die Luft sehr dünn wird. Vielleicht brauchte es drei Jahrzehnte, bis Franziska Pietsch das DDR-Wunderkind so weit hinter sich lassen und diesen seidenfadendünnen und mit sehr viel Leben gesättigten Ton finden konnte, den sie im dritten, langsamen Satz ausspinnt. Dieser Satz ist für sie mehr als nur ein Blick ins Jenseits, »da ist er schon auf der Reise, da tut’s auch nicht mehr weh«. Dass die Menschen lieber Beethoven oder Sibelius oder Vivaldi hören mögen, wenn überhaupt, jedenfalls lieber als den späten Bartók, das stört sie gar nicht. Darum gehe es ja nicht. Diese Musik wurde nicht mit Blick darauf komponiert, was schnell gefällt. »Unsere Aufgabe, wenn wir spielen, ist, das lebendig zu erhalten. Die Wahrheit in den Dingen zu suchen.« Ihre Antwort auf die Frage, was Reife sei.

Franziska Pietsch:

Works for Solo Violin.

Bartók, Prokofiev, Ysaye

(audite)

Violinkonzerte, mit dem DSO Berlin und CristianMācelaru. Man kann dahinter einen Plan sehen, etwas Systematisches Franziska Pietsch aber spricht lieber von Instinkt und Seele. Zu ihrer Ge-

Geigerin Franziska Pietsch im Samstagsgespräch

WDR 3 Mosaik | 14.10.2017 | 32:29 Min.

  • WDR3 Mosaik - Geigerin Franziska Pietsch im Samstagsgespräch
  • -
  • Franziska Pietsch - Violine
00:00 / 00:00
Die Geigerin Franziska Pietsch, eine international anerkannte Solistin und Kammermusikerin ist in Ostberlin geboren und aufgewachsen ...
FonoForum 1.8.2015

Niemals

                                       bestimmt 

fremd

In der DDR sollte Franziska Pietsch als junges Mädchen zum Star aufgebaut werden. Das funktionierte, solange sie und ihre Familie sich mit dem Regime gut stellten. Doch mit Flucht in den Westen kam das Aus. Eine schwere Zeit der Repressalien begann, aus der die Geigerin jedoch als selbstbewusste Künstlerin hervorging. Nie wieder lässt sie sich vorschreiben, wie sie ıhr musikalisches Leben zu leben habe.

von Stefan Schwarz.

weiterlesen

" Tiefgründig differenziert"....Viele Bravorufe erntete das Duo Pietsch Eisinger in seinem Konzert beim Verein „Die Kammermusik“ im Herzog-Friedrich-August Saal der Wiesbadener Casinogesellschaft.......Dabei ließen die bohrend hinterfragenden Dialoge im ersten Satz der Kreutzersonate ahnen, wie tiefgründig und differenziert das Duo miteinander arbeitet......."

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) 03.11.2015

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" Der große, absolut reine Ton überzeugt"...Nach zeieinhalb Stunden hatten die Gewinnerin des Leipziger Bachwettbewerbs und der in München geborene Pianist das Publikum der Reihe " Die Kammermusik" uneingeschränkt für sich eingenommen. ....Ludwig van Beethovens Violinsonate Nr.9 A-Dur op.47, kam als formale wie klangliche Entgrenzung des Kammermusikalischen perfekt zur Geltung...."

 

Rhein Main Presse 30.10.2015

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"Internationale Spitzenleistung"...Franziska Pietsch ist in der Lage, durch ihre perfekte Technik nicht nur die schönsten Klangfarben mit brillianter Leichtigkeit zu zaubern oder mit rasanten Passagen das Publikum in fast atemlose Stille zu versetzen; sie schafft, was nur wenige Instrumentalisten können: Sie kann mit ihrer Violine Geschichten erzählen - ohne Effekthascherei und Eitelkeit.....hier entstand mit diesem wundervollen Duo eine atmosphärische dichte Symbiose...”
Wittenberger Sonntagsmagazin 19.09.2015

 

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„ Trio Lirico“ zündet Streicherfeuerwerk...das Trio verfügt über die Gabe, alle drei Stimmen so miteinander verschmelzen zu lassen, dass der Hörer mitunter den Eindruck hatte, es spiele ein einziges Instrument...

das stürmische musikalische Feuerwerk des abschließenden „ Rondo“ beendete ein eindrucksvolles Musikerlebnis – an diesem Abend ließ das Trio Lirico das Publikum hören, ja wie satt, ein reiner Streicherklang sein kann...

 

Goslarsche Zeitung, 05.09.2015

 

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„ Höchste Vollendung und Hingabe“...Franziska Pietsch und Detlev Eisinger

zeigten sich als wahre Meister ihres Faches. Beide beherrschen ihre Instrumente in mitreißender Manier, bestechen durch ihre brilliante Technik, aber auch durch ihr blindes Verständnis.....auch die Besucher merken rasch, dass beide Musiker für die Musik und mit ihr leben, mit ihr verschmelzen und in ihr aufgehen....

Rhön und Saalepost 18.08.2015

 

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" Mozart, Grieg, Prokofiev vom Feinsten"... Franziska Pietsch verfügt nicht nur über eine souveräne Technik. Auf ihrer Testore-Violine (1751) spielt sie mit einem beachtlich großen, kraftvollen Ton. Bezaubernd gelingen ihr Kantilenen. Detlev Eisinger ...erwies sich als kompetenter Partner am Klavier. Intelligent variirte er zwischen Begleitung und Führung...das weiche , lyrische Element kam vor allem in Prokofievs "Fünf Melodien" zum Zuge.."

 

Rheinische Post 11.07.2015

 

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„ Mit Glanz durch die Lagen“... Beethovens „ Kreutzersonate“ zeugt aus romantischem Thema revolutionäre Variationen mit Thrillergewittern...Hochgeschwindigkeitsläufen auf Klavier und Violine und mündet in ein virtuoses Finale. Für diese transparente, intelligente und durchdachte Interpretation gibt es Bravos vom verzauberten Publikum...

 

Neue Presse Coburg 16. 09.2014

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...Pietsch`s warmer und sonorer Geigenklang verband sich optimal mit Eisingers differenziert moduliertem Klavierton. ...Die Künstler ließen ein Klanggebilde entstehen, das gleichermaßen von Virtuosität wie Ausdrucksstärke durchdrungen war...

 

Westfälischer Anzeiger 18.10.2014

 

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...Das Programm bot keine Überraschung. Stattdessen aber Interpretationen in höchster Vollendung, sowohl was die Technik, als auch was den Ausdruck und erst recht, was das Zusammenspiel anging. Das Publikum hatte geahnt, dass der Abend besonders werden würde: der Rathaussaal war voll...

 

 Ruhr Nachrichten 18.10.2014

 

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"...hier treffen Klavier und geige in einer ausgewogenen kammermusikalischen Partnerschaft

aufeinander und der anspruchsvollen Sonate ist anzuhören, dass sie für Musiker wie Eisinger und Pietsch erdacht ist...hier bricht die bis dahin aufgestaute Wildheit und Leidenschaft vollends durch und die Musiker laufen zu Höchstform auf...

 

Westfälische Nachrichten, 17.06.2014

 

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2019  Franziska Pietsch

All Rights reserved

Fotos :  Sonja Werner

                 Uwe Arens

                 Frank Tuerpe

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