Leidenschaftlich und nüchtern zugleich

 


Prokofiev
Violin Concertos


Franziska Pietsch
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Cristian Macelaru
audite 97.733

 


„SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

… dazu begrüßt sie Dorothea Bossert hier aus dem Studio.

Nach so viel Kammermusik wird es jetzt Zeit für Orchestermusik, finde ich – und habe aus dem großen Stapel der Neuerscheinungen für Sie die neueste CD der Geigerin Franziska Pietsch ausgewählt. 

Sie hat die beiden Violinkonzerte von Sergej Prokofjew aufgenommen, zusammen mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und unter der Leitung von Cristian Macelaru.
Sergej Prokofjew: Violinkonzert Nr. 1, 1. Satz (Ausschnitt) 4:10


Der Beginn des ersten Satzes aus dem ersten Violinkonzert von Sergej Prokofjew. Leidenschaftlich und nüchtern zugleich ist diese Interpretation. Diese Solistin, das hört man schnell, hat etwas zu sagen. Dabei beherrscht sie Ihr Instrument meisterhaft, ihr Ton, ihre souveräne Technik und selbstverständliche Virtuosität weisen sie als versierte Solistin von Rang aus. Die intellektuelle Durchdringung des Werkes und die Direktheit ihres Zugriffs auf die Musik, die kammermusikalische Differenziertheit, gepaart mit dem hohen emphatischen Risiko, mit dem sie musiziert, sorgen dafür, dass man bei Hören auf der Stuhlkante sitzt.
Natürlich ist Franziska Pietsch keine Unbekannte. In der DDR galt sie als Wunderkind, bis ihr Vater 1984 aus der DDR floh, und der Staat, der ihr bis dahin eine exzellente Ausbildung ermöglicht hatte, ihr jede Unterstützung entzog. Plötzlich war sie jeder Möglichkeit zu Konzerten und Instrumentalunterricht beraubt und stand vor dem Aus ihrer bis dahin traumhaften Solistenkarriere. Erst als sie 1986 nach Westen ausreisen durfte, konnte sie weiter studieren und konzertieren: Bei Ulf Hoelscher in Karlsruhe, bei Jens Ellermann in Hannover sowie bei Dorothy Delay an der Juilliard School hat sie studiert und eine ganze Reihe namhafter Violinwettbewerbe gewonnen. Eigentlich hätte sie jetzt einfach anknüpfen können an die Solistenkarriere ihrer Jugend, die Türen standen offen. Aber Franziska Pietsch war vorsichtig geworden, wollte nicht in den großen internationalen Solistenzirkus, sondern entschied sich für eine Konzertmeisterposition und kammermusikalische Arbeit mit ihren Ensembles Trio Testore und später dem Trio Lirico.
Acht CDs hat sie inzwischen veröffentlicht mit Kammermusik: Sonaten, Trios und Quartette von Karol Szymanowski und César Franck, von Tschaikowsky und Rachmaninow, aber auch mit Klassischem wie Beethoven, Mozart oder Brahms. Und jetzt also die erste Einspielung mit Konzertliteratur. Dass Franziska Pietsch dafür die beiden Violinkonzerte von Sergej Prokofjew wählt, ist sicherlich kein Zufall. Denn Prokofjew hat, ähnlich wie sie selbst, die Repressalien des Sozialistischen Regimes am eigenen Leib erlebt.
Das erste Violinkonzert entstand 1918, als Prokofiev den künstlerischen Beschränkungen durch Lenins konservative Kunstansichten glücklich entronnen war und nach Amerika ausreisen durfte. Das zweite Violinkonzert schrieb er 1935, als er von Heimweh getrieben, den Rückweg nach Russland antrat. Das Konzert sei gefärbt, so berichtet Prokofjew, von der Sehnsucht nach Russland und dem Klang der Städte und Länder, in denen er in seinem Nomadenleben als konzertierender Künstler auf dem Rückweg in die Heimat vorbeikam. Aber man kann es auch ganz anders hören: als klassizistisches Konzert eines reifen Künstlers, der gekonnt mit traditionellen Formen und Strukturen und mit den Erwartungen der Zuhörer spielt. Hier ist der erste Satz dieses zweiten Violinkonzertes von Sergej Prokofjew, gespielt von Franziska Pietsch und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Cristian Macelaru.

2019  Franziska Pietsch

All Rights reserved

Fotos :  Sonja Werner

                 Uwe Arens

                 Frank Tuerpe

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