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Franziska  Pietsch

„Diese Solistin hat etwas zu sagen“, urteilte Treffpunkt Klassik im SWR 2. Das kommt nicht von ungefähr. Denn im Spiel einer Musikerin spiegeln sich die Erfahrungen eines Lebens. Und das war bei Franziska Pietsch ungemein bewegt. Musikalisch als auch menschlich. Mit zwölf Jahren bereits wurde sie als Solistin großer Violinkonzerte gefeiert und nahm Virtuoses von Paganini und Sarasate auf. Als Konzertmeisterin verschiedener Orchester tauchte sie in die Welt der großen Sinfonik und Oper ein, ehe sie sich für einige Jahre intensiv der Kammermusik widmete – vor allem im Duo, im Klaviertrio und im Streichtrio. Heute hat sich längst der Kreis geschlossen und Franziska Pietsch beeindruckt mit Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo ebenso wie mit Prokofjews Violinkonzerten, für deren Einspielung sie u.a. mit dem Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde.

„Klangliches Raffinement, lyrische Empfindsamkeit, einen markanten Zugriff und effektvoll ausgespielte Kontraste“ bescheinigte ihr der Geigenexperte Norbert Hornig im Fono Forum und hob besonders Franziska Pietschs Kreativität und ihren Reichtum an Ausdrucksfacetten hervor. Und sein Kollege vom englischen Magazin „Gramophone“ zeigte sich hingerissen von der besonderen Mischung aus „raw expression“ und „special Innigkeit“. Egal ob sie Bach oder Bartók, Grieg oder Penderecki, Strauss oder Schostakowitsch spielt – Franziska Pietsch gelingt dies mit einer Intensität, die mitreißt, aber nie effektheischend wirkt. Und wenn sie im Trio Lirico ihrer Liebe zum Streichtrio frönt, dann kann sie sich auch zurücknehmen, wo es angebracht ist. Diese Reife hat vielleicht mit ihrer Biographie zu tun.

Geboren in eine Musikerfamilie in Ost-Berlin, wurde Franziska Pietsch früh entdeckt und gefördert. Sie studierte beim berühmten Pädagogen Werner Scholz, debütierte mit elf Jahren als Solistin an der Komischen Oper Berlin und gewann ein Jahr später den 1. Preis beim Bachwettbewerb für Kinder und Jugendliche in Leipzig. Während sie sich auf den Menuhin-Wettbewerb in London vorbereitete, blieb ihr Vater nach einer Tournee im Westen. Zwei Jahre dauerte es, bis Franziska, ihre Mutter und ihre Schwester aus der DDR ausreisen durften, zwei Jahre, die geprägt waren von Repressalien, ohne Geigenunterricht und ohne Konzerte. Aber auch Jahre, in denen sie sich den grundsätzlichen Fragen stellen musste – welchen Weg im Leben sie gehen wolle und welche Rolle die Musik dabei spielen sollte. Geholfen hat ihr dabei vor allem Johann Sebastian Bach.

Der Neuanfang im „Westen“ war hart, auch wenn Ulf Hoelscher, der bedeutende Geiger, sie als Mentor unter seine Fittiche nahm. Nach dem Gewinn des Wettbewerbs Maria Canals 1989 wagte sie dann mit 20 den Sprung nach New York und studierte an der Juilliard School bei der legendären Dorothy DeLay. Wichtige Anregungen erfuhr sie darüber hinaus in Meisterkursen bei Wanda Wilkomirska, Herman Krebbers und Ruggiero Ricci.

Zurück in Deutschland übernahm sie für einige Jahre die Stelle als Erste Konzertmeisterin im Sinfonieorchester Wuppertal und gastierte in gleicher Position u.a. an der Deutschen Oper am Rhein, an der Frankfurter Oper, bei den Solistes Europèens und beim Orchestre Philharmonique de Luxembourg (deuxième soliste).

2000 bis 2014 führte sie das Trio Testore an, mit dem sie sämtliche Klaviertrios von Brahms aufnahm und das Festival „Mai Klassik“ gründete. Seit 2015 spielt sie im Trio Lirico, aktuell in der Besetzung mit der Bratschistin Sophia Reuter und der Cellistin Hila Karni. Das kammermusikalische Spiel ist ihr bis heute genauso wichtig wie die solistische Zusammenarbeit mit großen Orchestern. Zu ihren Partnern zählten hier zuletzt u.a. das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, die Krakauer Philharmonie, das Dortmunder Konzerthaus, unter den Dirigenten, mit denen sie musiziert hat, finden sich so prominente Namen wie Antoni Wit, Horst Stein, Arpad Joò, Moshe Atzmon und Christian Macelaru.

Franziska Pietsch ist darüber hinaus ein gern gesehener Gast bei Kammermusikfestivals, etwa beim Schleswig-Holstein Musik Festival, beim Aspen Music Festival oder bei den Mettlacher Kammermusiktagen, wo u.a. Jacques Ammon, Gustav Rivinius oder Hariolf Schlichtig ihre Partner waren. Ihre CD Aufnahmen erleben ein herausragendes Echo und sind preisgekrönt, zuletzt wurden die beiden Bartók-Violinsonaten mit der Pianistin Maki Hayashida mit einem Pizzicato-Supersonic ausgezeichnet.

Vor wenigen Jahren ist eine neue Facette in Franziska Pietschs künstlerischem Schaffen hinzugekommen: 2015 hat sie zum ersten Mal eigene Gedichte in einem gemeinsamen Buch mit der Künstlerin Nasrah Nefer veröffentlicht, 2019 entwickelte sie den ungewöhnlichen Konzertabend „musikMACHTpoesie“, bei dem sie gemeinsam mit einem Pianisten und einem Schauspieler auf eine spannende Reise zu Musik, Sprache und Poesie geht.

2021 erhielt Franziska Pietsch den begehrten „International Classical Music Award“ für ihre CD „Fantasque“, die sie mit dem Pianisten Josu de Solaun eingespielt hat.

Sie spielt eine Violine von Carlo Antonio Testore, Mailand 1751